Presseberichte

RZ 21.8.2014

 

Sechs „junge“ Positionen

Ausstellung im Kutscherhaus stellt Studenten der Freien Akademie Essen vor

RECKLINGHAUSEN. (alp). Malerei, Fotografie, Plastik – ein spannungsreiches Spektrum junger Kunst zeigt die Sommerausstellung des Vestischen Künstlerbundes ab Freitag im Kutscherhaus. Der trügerische Titel: „Beruhigte Zone“.

Zu sehen sind Arbeiten von sechs Studenten der Freien Akademie der Bildenden Künste Essen. Die Recklinghäuser Künstler Edgar Eubel und Bernd Leistikow haben die Ausstellung kuratiert und sechs junge Positionen ausgewählt, wobei „jung“ hier eher für „frisch und eigenwillig“ steht. Denn es sind beileibe nicht nur junge Künstler, die in der Ausstellung ein Forum bekommen. Das Besondere an der freien Akademie (die übrigens staatlich anerkannt ist) ist die Tatsache, dass hier auch Spätberufene und Quereinsteiger eine Chance bekommen. Wie etwa Alfred Kriege, der nach 45 Berufsjahren als Schreiner den Bildhauer in sich entdeckte. Von ihm sind zwei große Holzskulpturen zu sehen. Darunter eine überdimensionale Kettensäge, die die Schönheit der Form feiert und aussieht wie ein archaisches Tier.

Biografische Erkundungen in inszenierten Fotografien zeigt Eva Krembel. Die Bilder zeigen sie selbst in Welten, die aus den Fugen geraten sind. Installationen mit einfachsten industriellen Materialien schafft René Dietle. Ein gewundener Silberdraht auf einer Holzplatte genügt ihm, um eine Raumerfahrung zu fassen. Ein fotografisches Puzzle kreierte Grazyna Pisarek. Schlüsseldetails aus dem Haus, in dem sie als Putzfrau ihr Studium verdient, setzen sich zum „Traumhaus“ zusammen: ein Stück Teppich, ein Wasserhahn, ein Familienfoto auf dem Kaminsims...

Kraftvoll und energisch schließlich die Arbeiten der beiden Malerinnen. Während Inka ter Haar impulsiv und experimentell arbeitet und bei ihren abstrakten Bildern der puren Emotion freien Lauf lässt, gestaltet Anna Shirin Schneider mit selbstbewusster Geste Bilder zum immer gleichen Thema: „Mich interessiert die Ambivalenz des Körperlichen, Fleischlichen, ich bin angewidert und fasziniert zugleich.“

Die Ausstellung ist bis 7. September im Kutscherhaus, Willy-Brandt-Park, zu sehen. Eröffnet wird sie am 22. August um 19 Uhr. Zur Eröffnung spricht der Leiter der Freien Akademie, Stephan Paul Schneider. Zu sehen ist „Beruhigte Zone“ freitags von 15 bis 18 Uhr, sa. und so. von 13 bis 17 Uhr. Es ist stets ein Künstler anwesend. Zur Finissage am 7. September gibt es ein Künstlergespräch.

 


RZ Recklinghäuser Zeitung: Donnerstag, 3. Juli 2014

 


Kunst verbindet
von Silvia Seimetz

 

14 Kreative aus der Partnerschaft Dordrecht stellen ab Freitag im Kutscherhaus aus

 

ALTSTADT. Seit 20 Jahren sammelt "Membrandt" Wasser. Ob aus Flüssen, Teichen oder auch aus dem schönen Kran - die niederländische Künstlerin hat schon in vielen Städten und Ländern Wasser geschöpft und es in kleinen Kristallflaschen abgefüllt. Gestern kam die jüngste Probe dazu, aus dem algigen Brunnen im Willy-Brandt-Park. Und auch dieses Wasser wird Teil ihrer wachsenden Installation "Aqua in vitro".

 

Zu sehen ist das Werk ab Freitag Abend im Kutscherhaus, ebenfalls im Willy-Brandt-Park. Dort gestalten auf Einladung des Vestischen Künstlerbundes 14 Kreative der Dordrechter Vereinigung "Pictura" die Ausstellung "Via Via". Gefördert wird der Austausch von der "Brücke".

Dini Borst hat zwar in Berlin gelebt und gearbeitet, in Recklinghausen ist sie aber zum ersten Mal. "Es ist schön hier", sagt die Künstlerin. Die elegante Umgebeung des Kutscherhauses mit der Nähe zur Engelsburg passt auf den ersten Blick zu ihrer Arbeit "Erst das Essen": In einer Ecke des Raumes hat sie einen Tisch mit feiner Decke und drei Tellern platziert. Durch Spiegel entsteht die Illusion einer festlichen Tafel mit zwölf Tellern.

Doch die von Dini Borst gefertigten Keramikteller zeigen den Blick aus dem Abfalleimer, in dem unsere Reste landen und in dem ein Mensch mit einer Taschenlampe nach Essbarem sucht. "Überall auf der Welt gibt es Hunger, auch bei uns",sagt sie.

Den Finger in die Wunde legen will auch "Membrandt". Ihr Pseudonym entstand 1988 in Bulgarien, als ihr ein Künstler den Spiznahmen verpasste, weil sie mit Membranen. "Wasser ist in vielen Ländern ein Problem", sagt sie zu "Aqua in vitro". Ingravierten Flaschen bewahrt sie das Lebenselixier, das sehrunterschiedlich aussieht: bräunlich, grün, mit kleinen Algen oder auch glasklar.

Teresina Talarico hat eine Beziehung zur Partnerstadt Recklinghausen: Vor einigen Jahren kam sie mit ihrer Bewerbung um den Kunstpreis "junger westen" in die Endausscheidung. Nun zeigt sie Fotos von Treppen des Louvre, die wie gemalt wirken. "Das sind Arbeiten aus meiner Reihe "Feuilleton", erklärt sie. Kritisch setzt sie sich mit dem Zusammenspiel von Macht und Kunst auseinander. "Wer mit seinen Arbeiten im Museum landet, hat es geschafft", sagt sie. Die junge Verbindung von "Pictura" zum Vestischen Künstlerbund begrüßt sie: "Der Austausch ist mir sehr wichtig."

 

RZ 2.4. 2014

Holländische Partner zeigen ihre Kunst

„Pictura“-Mitglieder waren am Wochenende in Recklinghausen zu Gast / Ausstellung im Sommer

RECKLINGHAUSEN. (joe) Ob die Kunst einen anderen Stellenwert in den Niederlanden hat? Bert te Kiefte und Ton Kraayeveld konnten es noch nicht genau einschätzen. Schließlich waren sie zum ersten Mal in Recklinghausen.

Doch spätestens im August wissen sie mehr. Vom 4. Juli bis zum 17. August nämlich stellen zwölf Künstler aus Dordrecht ihre Arbeiten im Kutscherhaus im Willy-Brandt-Park aus.

Auch in Sachen Städtepartnerschaft war der künstlerische Austausch eine Premiere: Zum ersten Mal besuchen sich zwei Vereine gegenseitig. Am Samstag trafen die Gäste von der Vereinigung „Pictura“ in Recklinghausen ein, um mit dem gastgebenden „Vestischen Künstlerbund“ die Rahmenbedingungen für die Ausstellung im Sommer zu erörtern. Dabei ging es auch um die Konzeption und Gestaltung der Werke. Heidi Meier vom Vestischen Künstlerbund gab einen Ausblick: „Wir möchten zeitgenössische Kunst präsentieren!“ Es sollen unter anderem Wandarbeiten und Plastiken im Mittelpunkt stehen.

Zustande gekommen ist der Kontakt mit den Künstlern aus den Niederlanden über das Auslandsinstitut der Stadt, die „Brücke“. Leiterin Carmen Greine freut sich auf die Zusammenarbeit: „Zum 40-jährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft ist es etwas Besonderes, dass zum ersten Mal Künstler aus Dordrecht hier in Recklinghausen ihre Werke vorstellen.“ Dabei ist es eine kleine Umgewöhnung für die Künstler von „Pictura“. Die hundert Mitglieder können auf eine lange Tradition zurückschauen – seit 1774 existiert der Verein schon. Dementsprechend wird die Kunst von der Stadt auch mehr gefördert: „Wir haben in Dordrecht ganz andere räumliche Möglichkeiten“, berichtet der Vorsitzende Bert te Kiefte.

Von Videos über Malerei bis hin zu Illustrationen fertigen die Niederländer alles an. Aber nicht alles ist anders. Künstler Ton Kraayeveld weiß: „Unsere Kunst ist doch sehr verwandt mit der hier in Recklinghausen.“ Deswegen freuen sich beide Seiten auf neue Erfahrungen. „Der künstlerische Austausch kann nur befruchtend für alle sein“, denkt Heidi Meier. Austausch beruht auf Gegenseitigkeit: 2015 stellt eine Delegation aus Recklinghausen ihre Werke in Dordrecht aus.

RZ 20.2. 2014

Revier hat nicht ausgedient

Die Dortmunder Gruppe gibt sich in Recklinghausen im Kutscherhaus die Ehre
Von Bernd Aulich
RECKLINGHAUSEN. Wenn von der Dortmunder Gruppe die Rede ist, denkt jeder Literaturkenner an die Dortmunder Gruppe 61. Aber nicht an die schon 1956, fünf Jahre früher gegründete Dortmunder Gruppe bildender Künstler.

Die Dortmunder Gruppe 61 um Fritz Hüser, Max von der Grün, Paul Reding und den später hinzu gestoßenen Günter Wallraff entdeckte die Arbeitswelt als zündendes Thema der Literatur. Doch die berühmte Autorenvereinigung war schon nach einem Jahrzehnt am Ende. Die Dortmunder Gruppe der Maler, Bildhauer und Grafiker ist noch immer aktiv. Außerhalb von Dortmund kennt sie freilich niemand.

Für die Dortmunderin Gudrun Kattke als Vorsitzende des Vestischen Künster-bundes lag es schon der Nachbarschaft wegen nahe, einen Austausch einzufädeln. Im Herbst präsentierte sich der Vestische Künstlerbund in Dortmund. Nun gibt sich die „Dortmunder Gruppe“, der Kattke ebenfalls angehört, in Recklinghausen im Kutscherhaus die Ehre.

„Vestwärts“ nennen die Gäste ihr Vorhaben, sich in aller Vielfalt vorzustellen. Themen-Ausstellungen, wie sie der Vestische Künstlerbund bevorzugt, lehnt man in Dortmund ab. Und so wird vor allem eines deutlich: Wie mühsam und entschlossen Künstler, die sich allesamt als Individualisten verstehen, ohne über den eigenen Ort hinaus einen Namen zu haben, um Form und Ausdruck ringen.

Revier-Bezüge wie bei der Dortmunder Gruppe 61 sind die Ausnahme. Die Arbeiten der Künstlerinnen Marlies Blauth und Ulrike Harbach zählen dennoch zu den innovativsten und originellsten Beiträgen. Blauth zeigt eine Serie übermalter Industrie-Miniaturen. Die Schnappschüsse aus dem Zugfenster sind ein letzter flüchtiger Blick auf eine entschwindende Welt. Harbach projiziert in einem ausgetüftelten Verfahren Fotos von Industrie-Monumenten mit der Aura des Vergänglichen wie Ausrisse auf Eisenplatten.

Ins Auge fallen auch drei Dortmunder mit ausländischen Wurzeln: Dina Nur aus dem Sudan mit fragilen Drahtskulpturen, der gebürtige Amerikaner Garret Anderson Williams mit gemalten Raumkonstrukten und der gebürtige Engländer Brian John Parker mit verschachtelten Phantasielandschaften in filigraner Pastelltechnik. Erwähnenswert sind auch Ulla Dretzlers fließende farbige Formen, Christian Psyks blasphemisch angehauchte Installation über die „scheinbar so züchtige“ heilige Jungfrau Conchita oder Roul Schneiders Materialmix aus Ton-Grund und einem zerbröselnden Akt auf Glas. Und Gudrun Kattke? Sie ist die Schrillste von allen mit ihrer bonbonfarbenen Assemblage „Miss Liberty“ aus Alltagsmaterialien.

 

„Vestwärts - die Dortmunder Gruppe zu Gast beim Vestischen Künstlerbund“ im Kutscherhaus Recklinghausen, bis 23. März, freitags 15-18 Uhr, an Wochenenden 13-17 Uhr. Eröffnung am Freitag, 19 Uhr.